Für Giftnotfälle aller Art gerüstet
Krankenhausapotheken sichern mit Antidota-Depots eine rasche Versorgung bei Vergiftungen
Eine Vergiftung kann im Alltag schnell passieren – sei es durch den versehentlichen Verzehr giftiger Pilze, einen unbedachten Umgang mit bestimmten Medikamenten oder eine unerwünschte Begegnung mit einer Giftschlange beim Wandern. Damit in solchen Fällen rechtzeitig reagiert werden kann und die Vergiftung nicht zu schweren gesundheitlichen Schäden oder sogar zum Tod führt, unterhalten die österreichischen Krankenhausapotheken gut sortierte Depots, in denen Gegengifte, sogenannte Antidota, gegen ganz unterschiedliche Formen von Vergiftungen jederzeit vorrätig gehalten werden.
„Unser Antidota-Depot umfasst unter anderem Gegengifte gegen Vergiftungen mit Rauchgas, Pilzen, Schwermetallen, Reinigungsmitteln, Medikamenten, Organophosphaten und Schlangengift“, berichtet Mag. Barbara Datterl, die in der Krankenhausapotheke des Universitätsklinikums AKH Wien arbeitet und ihre Expertise auf dem Gebiet der Antidota regelmäßig in die interdisziplinäre Versorgung von Vergiftungspatient:innen einbringt.
„Es kommt in regelmäßigen Abständen vor, dass gleich mehrere Patient:innen mit einer Knollenblätterpilzvergiftung im Spital notfallmedizinisch behandelt werden muss, weil alle von einem Gericht aus gesammelten Pilzen gegessen haben, in das sich leider auch ein hochgiftiger Pilz verirrt hat“, erzählt die Krankenhausapothekerin. Die im Grünen Knollenblätterpilz enthaltenen sogenannten Amatoxine führen zu schweren Leberschäden und eine Vergiftung kann tödlich enden. Eine sofortige Behandlung mit Aktivkohle, Infusionen und speziellen Antidota im Krankenhaus ist in solchen Fällen lebensnotwendig. Auch potenziell lebensbedrohliche Überdosierungen mit Opiaten und Benzodiazepinen kommen im Klinikalltag immer wieder vor.
Vergiftungen auch trotz guter Absicht möglich
Manchmal kann es auch trotz eindeutig bestehender Therapieindikation zu einer Überdosierung mit Vergiftungssymptomatik kommen: So haben beispielsweise herzwirksame Glykoside, die unter anderem zur Behandlung von Herzinsuffizienz eingesetzt werden, eine geringe therapeutische Breite und müssen daher sehr präzise dosiert werden. Schon leichte Überdosierungen können toxisch wirken und eine Behandlung mit einem spezifischen Antidot erforderlich machen.
Manche Menschen reagieren zudem auf bestimmte Medikamente mit einer starken Schwellung im Mund- und Rachenraum, einem sogenannten arzneimittelinduzierten Angioödem, die zu Schluckbeschwerden und im schlimmsten Fall sogar zu akuter Atemnot führen kann. Auch hier kann bei nicht ausreichender Wirkung von Antihistaminika und Cortison eine rasche Behandlung mit entsprechenden Präparaten aus dem Depot erforderlich sein.
Gibt es für eine Vergiftung kein passendes Gegenmittel, wird in der Regel eine symptomatische Therapie zur Stabilisierung der Patient:innen eingeleitet. Die dafür notwendigen Medikamente werden ebenfalls über die Krankenhausapotheke bereitgestellt.
Immer wieder müssen im AKH Wien auch Patient:innen mit Schlangenbissen behandelt werden. „In der Regel handelt es sich um Bisse der Kreuzotter, der in Österreich am häufigsten vorkommenden Giftschlange. Für gesunde Erwachsene besteht nach einem Biss in der Regel keine Lebensgefahr, allerdings kann es zu schmerzhaften Schwellungen, Übelkeit und anderen unspezifischen Symptomen kommen. Bei Kranken, Kindern und älteren Menschen ist jedoch Vorsicht geboten und die Gabe eines Antidots in Erwägung zu ziehen – gerade bei Bissen nach dem Winterschlaf der Schlange, wenn die Schlange noch nicht gejagt hat und deren Giftdrüsen gut gefüllt sind“, berichtet Mag. Datterl.
Das Antidot enthält spezifische Antikörper, die die im Körper zirkulierenden Schlangengiftmoleküle binden und neutralisieren. Es verhindert, dass sich das Gift weiter im Gewebe ausbreitet und Zellen zerstört. Dadurch werden systemische Symptome die Blutdruckabfall, Schwindel oder allergische Reaktionen gemildert.
Immer wieder kommt es hierzulande zudem zu Bissen von exotischeren Schlangen, die als Haustiere gehalten werden. In solchen Fällen ist kurzfristig oftmals nur eine stabilisierende Therapie möglich, da Schlangengifte generell sehr komplexe Substanzgemische sind und es nicht für jedes dieser Toxine ein passendes oder rasch verfügbares Gegengift gibt.
Antidota-Liste erleichtert das Vorgehen im Ernstfall
Die Inhalte des Antidota-Depots werden von den Apotheker:innen in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit den verschiedenen Abteilungen des Universitätsklinikums AKH Wien abgestimmt. „Gemeinsam mit der Universitätsklinik für Notfallmedizin und der Vergiftungsinformationszentrale haben wir zudem eine Antidota-Liste erstellt, die unter anderem Angaben zu Indikation und Wirkmechanismus sowie Dosierungsempfehlungen für Erwachsene und Kinder enthält. Diese Liste wird regelmäßig aktualisiert und ist sehr hilfreich, da sie für viele Vergiftungsfälle klare Vorgehensweisen aufzeigt und man in Stresssituationen nicht improvisieren muss“, erklärt Mag. Datterl.
Da die von Mag. Martina Anditsch geleitete Apotheke im AKH Wien an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr besetzt ist, werden alle dort tätigen Apotheker:innen im Umgang mit Antidota geschult. Dadurch sind sie für Giftnotfälle im Haus ebenso gerüstet wie für Anfragen aus anderen Bundesländern oder den Nachbarländern.
Lieferengpässe auch bei Antidota eine große Herausforderung
„Wir stehen im ständigen Austausch mit den Kolleg:innen in anderen Krankenhausapotheken und stellen ihnen auch Gegengifte zur Verfügung, wenn entsprechende Anfragen eingehen und unsere Bestände groß genug sind. Dadurch wird die Versorgung österreichweit sichergestellt – auch wenn es wieder einmal zu Lieferengpässen kommt“, berichtet die Krankenhausapothekerin.
Lieferengpässe bei Antidota stellen eine große Herausforderung für die Krankenhausapotheker:innen dar, da manche dieser Medikamente hochspezifisch sind und es in der Regel keine Generika als Alternative gibt. Oftmals ist es daher mit sehr großem organisatorischen Aufwand verbunden, eine ausreichende Bevorratung aller benötigten Präparate sicherzustellen. Manche Medikamente können auch nur aus dem Ausland bezogen werden, weil der Hersteller dafür in Österreich keine Zulassung beantragt hat. Eine nützliche Hilfe ist die Antidota-Datenbank der Arbeitsgemeinschaft österreichischer Krankenhausapotheker (AAHP), in der die Antidota-Bestände aller Krankenhausapotheken in Österreich erfasst werden.
Mit einem dicht geknüpften Sicherheitsnetz an Antidota-Depots sorgen die österreichischen Krankenhausapotheker:innen dafür, dass bei Vergiftungsnotfällen rasch das passende Gegenmittel zur Verfügung steht. Fachliche Expertise, vorausschauende Lagerhaltung und die enge Zusammenarbeit zwischen Apotheken, Kliniken und Vergiftungsinformationszentren sind dabei entscheidend – denn gute Vorbereitung kann bei Vergiftungsfällen Leben retten.
(Fotos: Apothekerkammer)