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Das Bier in der Pharmazie

Bier wurde in früheren Jahrhunderten nicht nur als Genussmittel betrachtet, sondern ihm wurden auch kräftigende und heilsame Wirkungen zugesprochen, was im deutschsprachigen Raum zu verschiedenen Anknüpfungspunkten mit der Pharmazie führte. (Foto: ©iStock.com/SarapulSar38)

Bier ist hierzulande eines der beliebtesten Genussmittel und wird in erstaunlichen – und aufgrund des Alkoholgehaltes auch bedenklichen – Mengen konsumiert. Rund 100 Liter Bier trinkt jede/r Österreicher:in statistisch pro Jahr. Damit belegt Österreich im weltweiten Vergleich einen der vordersten Plätze. In früheren Jahrhunderten wurden dem Bier jedoch auch kräftigende und heilsame Wirkungen zugesprochen, was im deutschsprachigen Raum zu verschiedenen Anknüpfungspunkten mit der Pharmazie und Medizin führte. Darum hatten auch Apotheker:innen über die Jahrhunderte in verschiedener Weise mit Bier zu tun und beeinflussten die Entwicklung von Brauwesen und Biertechnologie.

Zuschreibung von heilsamen Wirkungen bereits in der Antike 

Bereits sehr alte sumerische Tontafeln (ca. 3000 v. Chr.) enthielten Rezepte für Heiltränke, bei denen Bier als Basis verwendet wurde, um Kräuter und andere Heilmittel zu verabreichen. Auch im Papyrus Ebers (ca. 1550 v. Chr.), der größten Schriftrolle zur altägyptischen Heilkunde, wurde der Einsatz von Bier zu medizinischen Zwecken erwähnt. In Europa gewann das Bier erst im Mittelalter an Bedeutung. So wird beispielsweise im Lorscher Arzneibuch (795 n. Chr.) angeführt, dass das Trinken von Bier äußerst bekömmlich sei. Bier galt vor allem im Hochmittelalter als nahrhaftes Alltagsgetränk und wurde aufgrund der relativ sauberen Herstellung vielfach gegenüber dem damals häufig unsauberen und keimbelasteten Wasser bevorzugt. Auch als stärkendes Getränk für Kranke wurde es oft empfohlen. Damals hatte Bier allerdings noch einen deutlich niedrigeren Alkoholgehalt von rund zwei Prozent.

Klöster waren ab dem frühen Mittelalter sowohl wichtige Zentren der medizinischen Versorgung als auch der Bierherstellung. Mönche und Nonnen nutzten Bier als Basis für verschiedene Heiltränke. Berühmte Beispiele sind die Benediktiner und Zisterzienser, die bekannt für ihre Braukunst und ihre Heilpraktiken waren. Hildegard von Bingen (1098–1179), eine bedeutende Äbtissin und Gelehrte, schrieb über die medizinischen Eigenschaften von Hopfen, einem wichtigen Bestandteil des Biers, und empfahl ihn zur Behandlung verschiedener Krankheiten. Paracelsus (1493-1541) wird das Zitat „Das Bier ist eine wahrhaft göttliche Medizin“ zugeschrieben. Auch der berühmte Gelehrte setzte Bier zur Behandlung von Krankheiten ein und verwendete Bier zudem als diätetisches Mittel bei verschiedenen Erkrankungen und Beschwerden. 

Medizinalbiere gegen Verstopfung, Epilepsie und Skorbut

In den Apotheken wurde Bier im Mittelalter als Lösungsmittel verwendet, um Extrakte herzustellen, die dann als Arzneimittel verabreicht wurden. Zudem wurde Bier als Hilfsmittel zur Einnahme von Medikamenten eingesetzt. Manche Apotheken stellten auch selbst sogenannte Medizinalbiere - Auszüge von Drogen mit Bier - her. Sie enthielten spezielle Zutaten oder Kräuter, denen heilende Eigenschaften zugeschrieben wurden. Es gab u.a. Medizinalbiere gegen Verstopfung, Epilepsie, Skorbut, Gelbsucht sowie Haut- und Wurmerkrankungen. Einige Medizinalbiere und Drogenauszüge mit Bier wurden auch in zeitgenössischen Arzneibüchern beschrieben. 

Als Geheimmittel, deren Zusammensetzung von den Herstellern streng unter Verschluss gehalten wurde, galten sogenannte Gesundheitsbiere. Sie wurden mit ihrer angeblich heilsamen Wirkung beworben und auch von einzelnen Apotheken vertrieben. Viele Apotheken lehnte diese Biere jedoch aufgrund der unklaren Zutaten ab und verdienten sich stattdessen Lorbeeren, indem sie die Zusammensetzung dieser Geheimmittel in den apothekeneigenen Laboratorien analysierten und damit die Sicherheit der Bevölkerung erhöhten.

So veröffentlichte beispielsweise die Untersuchungsanstalt des Österreichischen Apotheker-Verein in der Österreichische Zeitschrift für Pharmacie am 10. Oktober 1892 u.a. folgende Untersuchungsergebnisse: „Im Einzelnen ist Folgendes zu bemerken: Ein Bier, nach dessen Genuss Erbrechen und Diarrhoe erfolgt war, erwies sich als stark hefetrüb, war daher geeignet, die Gesundheit zu schädigen. Ein Malz-Extract-Gesundheitsbier enthielt im Liter 85 mg schweflige Säure und war deshalb zu beanstanden.“ Manche Hersteller von Gesundheitsbieren verwendeten hingegen auch positiv ausfallende Gutachten von Apotheker:innen, um den Ruf ihres Produktes zu verbessern. 

Apotheker:innen prüfen Biere auf Verfälschungen

Das chemische Wissen und der Zugang zu Laborgerätschaften ermöglichte es Apotheker:innen auch bis zu einem gewissen Grad, Verfälschungen in normalen Bier aufzudecken. Diese „Panscherei“ wurden vor allem während der Industrialisierung und Verstädterung ein Thema. Viele Brauer standen im Verdacht, teuren Hopfen und Malz zu sparen, indem sie ihrem Bier billigere und teils unbekömmliche Stoffe wie Alaun, Wermut, Enzianwurzel, Aloe, Kokkelskörner oder Pikrinsäure hinzufügten. Apotheker:innen konnten immer wieder Verfälschungen aufdecken , in vielen Fällen ergaben ihre chemischen Analysen jedoch auch, dass die Brauer zu Unrecht verdächtigt worden waren. Die Analyse von Bieren durch Apotheker:innen fand auch Eingang in verschiedene pharmazeutische Fachzeitschriften und trug dazu bei, den Herstellungsprozess und die Haltbarkeitsmachung von Bier sukzessive zu verbessern. Unter anderem gelang es weniger bekömmliche Biere aufgrund einer ungenügenden Vergärung zu identifizieren und die Vergärung zu optimieren.

Während es sich als Genussmittel weiterhin großer Beliebtheit erfreute, nahm die Bedeutung von Bier als Arzneimittel oder als Hilfsmittel bei der Medikamentenherstellung im 19. Jahrhundert deutlich ab. Hintergrund war vor allem das gestiegene Gesundheitswissen (z.B. die Erkenntnis, dass Alkoholsucht eine Krankheit darstellt). Auch hatten Medizinalbiere im Vergleich zu anderen Heilmitteln eine sehr kurze Haltbarkeit. 

Auch Ausbildungsstätten für Brauer:innen von Apotheker:innen gegründet

Einige Apotheker machten sich auch einen Namen durch ihre wertvollen Beiträge zum modernen, wissenschaftlich basierten Brauwesen. So etablierte der Apotheker Dr. Carl Lindner (1828-1900) einen Braukurs an der Königliche Zentralschule in Weihenstephan und gründete in München und Weihenstephan die erste wissenschaftliche Versuchsstation. Lindner gilt als einer der Väter der Brauwissenschaften im deutschsprachigen Raum und in Weihenstephan wird noch heute Brautechnologie unterrichtet. Mit Dr. Albert Doemens (1866-1940) gründete ein weiterer Apotheker im Jahr 1895 die Lehr- und Versuchsanstalt für Brauer. Sie existiert noch heute als Fachschule für Braumeister und bieten Lehrgänge für Braumeister und Brautechnologie an.

(Foto: ©iStock.com/SarapulSar38)